Glossar Hypnose Stand:

Charakterisieren (isomorphe Figuren)

Charakterisieren (isomorphe Figuren) in drei Sätzen

Charakterisieren ist der Konstruktionsschritt, in dem jede reale Person oder Kraft aus dem Problem des Klienten eins zu eins einer Figur der Geschichte zugeordnet wird. Nicht die Oberfläche entscheidet, ob die Figur ein Tier, ein Mensch oder ein Ding ist, sondern dass die Beziehungen zwischen den Figuren denen der realen Lage gleichen. Diese Strukturgleichheit heißt isomorphe Figurenbesetzung.

Was bedeutet Charakterisieren in der therapeutischen Metapher?

Ich habe mein erstes Igel-und-Fuchs-Märchen gebaut, ohne mir Notizen zu machen, wer eigentlich wer ist. Der Klient hatte eine fordernde Mutter, einen abwesenden Vater und eine Schwester, die alles besser konnte, und in meiner Geschichte kamen ein Igel, ein Bach und ein heller Stern vor. Es klang hübsch. Nur stand der Stern für niemanden, der Bach für zwei Personen gleichzeitig, und die Schwester fehlte ganz. Die Geschichte trug nicht, weil ihre Figuren nicht besetzt waren. Sie waren nur dekoriert.

Charakterisieren ist die Korrektur dieses Fehlers. Bevor ich erzähle, schreibe ich eine Besetzungsliste: jede reale Person, jede Kraft und jeder innere Anteil aus dem Problem bekommt genau eine Figur, und keine Figur steht für nichts oder für zweierlei. Die Mutter wird zum strengen Fels, der Vater zum Nebel, der mal da ist und mal nicht, die Schwester zum schnelleren Vogel. Entscheidend ist dabei nicht, ob ich Fels, Nebel und Vogel wähle oder Königin, Sturm und Falke. Entscheidend ist, dass der Fels die Schwester nicht überlappt und dass die Figuren zueinander stehen wie die realen Menschen zueinander stehen. Diese Eins-zu-eins-Spiegelung der Beziehungen nennt man isomorphe Besetzung (mehr zum Prinzip dahinter unter isomorphe Metapher).

Jetzt die Ehrlichkeit, die ich mir lange erspart habe. Das saubere Charakterisieren ist Praktiker-Lehre aus der Erickson- und Gordon-Tradition, kein kontrolliert geprüftes Verfahren. Niemand hat „isomorph besetzte Figuren“ gegen „beliebig besetzte Figuren“ isoliert und gemessen. Was empirisch belegt ist, liegt eine Ebene daneben, ist aber belastbar: dass Identifikation mit einer Figur Einstellungen verschiebt, dass Geschichtenverstehen denselben mentalen Apparat nutzt wie das Hineinversetzen in echte Menschen, und dass die Frage, mit wessen Lage sich der Hörer identifiziert, kausal vom Bau der Geschichte abhängt. Diese Bauteile stütze ich gleich mit Zahlen, ohne sie größer zu machen, als sie sind.

Was die Forschung wirklich hergibt

Das Gerüst stammt nicht von mir. David Gordon zerlegte 1978 in „Therapeutic Metaphors“ (Meta Publications) Milton Ericksons Geschichten in benennbare Bauteile und benannte als Erster die Figurenzuordnung als eigenen Schritt: Jede Figur entspricht einer realen Person oder Kraft, und die Geschichte trägt nur, wenn diese Zuordnungen strukturgleich zur Lage des Klienten stehen. Stephen und Carol Lankton bauten das 1983 in „The Answer Within“ (Brunner/Mazel) klinisch aus und zeigten, dass mehrere isomorph besetzte Geschichten ineinander verschachtelt werden können, ohne dass die Zuordnungen durcheinandergeraten. Beides ist Handwerkslehre, kein Experiment.

Der Wirkmechanismus, an den das Charakterisieren andockt, heißt Identifikation. Jonathan Cohen legte 2001 in „Mass Communication and Society“ die bis heute meistzitierte Definition von Identifikation vor: ein Prozess, in dem der Hörer das eigene Selbstbewusstsein zurücknimmt und sich vorübergehend als die Figur erlebt, mit einer affektiven Seite (geteilte Gefühle) und einer kognitiven Seite (Verstehen der Ziele und Motive, Perspektivübernahme). Cohens Beitrag ist rein begrifflich, ohne Messung. Er erklärt aber, warum die Besetzung zählt: Identifiziert sich der Hörer mit der falschen Figur, übernimmt er die falsche Haltung.

Dass diese Übertragung real ist, prüfte Anneke de Graaf 2012 in „Communication Research“ in zwei Experimenten. Sie erzählte dieselbe Geschichte aus verschiedenen Perspektiven und maß, mit wem sich die Leser identifizierten. In beiden Studien steuerte die Erzählperspektive die Identifikation, und die Identifikation übertrug die Einstellung der Figur auf den Leser. Die Perspektive war der Hebel, die Identifikation der Übertragungsweg, ein sauberer kausaler Beleg dafür, dass es darauf ankommt, welche reale Person mit welcher Figur verbunden ist.

Warum das Hineinversetzen überhaupt funktioniert, zeigt die Hirnforschung. Raymond Mar fasste 2011 in „Annual Review of Psychology“ eine Metaanalyse bildgebender Studien zusammen und fand, dass das Verstehen von Geschichten weitgehend dieselben Hirnregionen aktiviert wie das Mentalisieren, also das Sich-Hineindenken in echte Menschen: medialer präfrontaler Kortex, Precuneus und die temporoparietale Junktion. Das ist die neuronale Grundlage dafür, dass eine besetzte Figur überhaupt als Stellvertreter eines realen Menschen erlebt werden kann. Eine einzelne Effektstärke nennt die Übersichtsarbeit nicht, die Überlappung der Netzwerke ist aber der belastbare, oft replizierte Befund.

Die Kontroverse: Wie streng muss die Zuordnung sein?

Hier wird es interessant, und hier liegt die Streitfrage, die ich offen lasse. Die strenge Lesart sagt: Je präziser die Eins-zu-eins-Zuordnung, desto sauberer überträgt sich die Lösung. Dagegen steht ein doppelter Einwand. Erstens kann eine zu offensichtliche Spiegelung Abwehr wecken, der Hörer merkt, dass er gemeint ist, und macht dicht. Genau deshalb verlangt schon Gordon, dass die Parallele nicht offensichtlich sein darf. Zweitens, und das ist der härtere Befund: Identifikation entsteht auch ohne strikte Ähnlichkeit. Hoeken, Kolthoff und Sanders zeigten 2016 in „Human Communication Research“ in zwei Studien, dass die Erzählperspektive die Identifikation sogar dann treibt, wenn eine dem Leser ähnlichere Figur danebensteht. Die Perspektive konnte die Oberflächen-Ähnlichkeit überstimmen. Das heißt: Es ist nicht die demografische Ähnlichkeit der Figur, die zählt, sondern wessen Inneres die Geschichte zugänglich macht.

Für meine Praxis heißt das beides zugleich. Ich besetze weiter sauber isomorph, weil die Beziehungen stimmen müssen, sonst läuft die Lösung am Problem vorbei. Aber ich jage nicht der Oberflächen-Ähnlichkeit hinterher und ich mache die Parallele nie offensichtlich. Die Zuordnung ist mein internes Konstruktionsraster, nicht etwas, das der Hörer durchschauen soll. Wer sauber besetzt und es trotzdem verbirgt, hat beide Seiten der Kontroverse auf seiner Seite.

Welche Kernelemente machen das Charakterisieren aus?

  • Vollständige Besetzungsliste: Jede reale Person, Kraft und jeder innere Anteil aus dem Problem bekommt genau eine Figur. Bleibt jemand unbesetzt, fehlt er in der Lösung.
  • Eindeutigkeit: Keine Figur steht für zwei reale Beteiligte, keine reale Person verteilt sich auf zwei Figuren. Sonst verschwimmt die Übertragung.
  • Beziehungstreue vor Oberfläche: Tier, Mensch oder Ding ist gleichgültig. Was zählt, ist, dass die Figuren zueinander stehen wie die realen Menschen zueinander (Gordon, 1978).
  • Identifikationsachse: Die Figur, die für den Klienten steht, muss die sein, deren Perspektive die Geschichte trägt, denn die Perspektive steuert, mit wem sich der Hörer identifiziert (de Graaf, 2012).
  • Verdeckte Parallele: Die Zuordnung ist Konstruktionsraster, nicht Botschaft. Wird sie offensichtlich, weckt sie Abwehr statt Lösung.

Verwandte Begriffe

Isomorphe Metapher · Die vier Elemente einer Metapher · Matching Metaphor