Fehlender Bezugsindex
Fehlender Bezugsindex in drei Sätzen
Ein fehlender Bezugsindex ist eine Formulierung, die offenlässt, wer oder was genau gemeint ist, etwa „man weiß ja, wie das ist“ oder „es gibt Dinge, die sich ändern können“. Weil kein konkreter Bezug genannt wird, füllt der Hörer die Lücke unwillkürlich mit seiner eigenen Lage. Im Milton-Modell ist das eine der verlässlichsten Türen, durch die eine Aussage beim Einzelnen ankommt, ohne dass man sie auf ihn zuschneiden müsste.
Was ist ein fehlender Bezugsindex?
Wenn ich „die meisten Menschen merken irgendwann, dass sich etwas verschiebt“ sage, habe ich zwei Türen weit aufgemacht. Welche Menschen? Was verschiebt sich? Ich nenne es nicht, und genau das ist die Technik. Das kleine „man“, das unbestimmte „es“, das pauschale „die Leute“ löschen den Bezug, den eine präzise Aussage mitführen müsste. Übrig bleibt eine Hülse, die jeder mit seinem eigenen Inhalt füllt.
Das Gehirn erträgt diese Lücke nicht lange. Es will wissen, wer gemeint ist, und der nächstliegende Kandidat sitzt im eigenen Kopf. Deshalb landet ein gut gesetzter fehlender Bezugsindex fast zwangsläufig beim Hörer selbst. Ich behaupte nichts über ihn, ich behaupte über niemanden Bestimmtes, und gerade dadurch fühlt er sich gemeint. Das ist der Trick hinter Sätzen wie „man kann sich auf eine angenehme Weise entspannen“: kein Befehl, keine Adresse, und doch nimmt das Gegenüber den Faden auf.
Abgrenzung zu Nominalisierung und unspezifischen Verben
Diese drei Muster werden ständig verwechselt, weil sie alle etwas weglassen. Sie löschen aber Verschiedenes, und das ist der ganze Unterschied.
Die Nominalisierung verwandelt einen Vorgang in ein Hauptwort: aus „sich entscheiden“ wird „die Entscheidung“, aus „sich verändern“ wird „die Veränderung“. Gelöscht wird, wie der Vorgang abläuft und wer ihn vollzieht, er erstarrt zum Ding.
Die unspezifischen Verben lassen das WIE offen: „etwas in dir lernt das“ sagt nicht, auf welche Weise gelernt wird, das Gegenüber ergänzt das Verfahren selbst.
Der fehlende Bezugsindex dagegen lässt das WER oder WAS offen. Nicht der Vorgang erstarrt und nicht die Art und Weise fehlt, sondern die Adresse: „man“, „es“, „die Leute“, „Dinge“ stehen da, wo eine konkrete Person oder Sache stehen müsste. Merksatz: Nominalisierung tilgt den Vorgang, unspezifische Verben tilgen das Wie, der fehlende Bezugsindex tilgt das Wer und Was.
Ein Beispiel aus meiner Praxis
Ich erzähle in einem Vortrag über das Schreiben oft diese eine Sequenz, und sie funktioniert genau wegen des fehlenden Bezugsindex:
„Es gibt einen Moment, in dem man spürt, dass sich etwas im Erzählen ändert. Die Leute reden dann anders über ihre eigenen Geschichten.“
Kein Wort darin gehört irgendjemandem konkret. „Man“ spürt, „die Leute“ reden, „etwas“ ändert sich. Jeder im Saal setzt seinen eigenen Moment ein, seine eigene Geschichte, sein eigenes Aha. Hätte ich gesagt „du wirst gleich spüren, dass sich dein Schreiben ändert“, wäre es eine Behauptung über eine bestimmte Person, gegen die man innerlich opponieren kann. Stimmt nicht, denkt der Skeptiker, bei mir nicht. Die unbestimmte Fassung gibt ihm nichts zum Widersprechen. Sie ist eine Einladung, kein Anspruch, und genau deshalb folgt er.
Wie belastbar ist das?
Hier bleibe ich ehrlich: Der fehlende Bezugsindex ist sauber linguistisch beschrieben, aber als isolierte Wirkursache nicht experimentell geprüft. Richard Bandler und John Grinder führten den unspezifizierten Bezugsindex 1975 in „The Structure of Magic, Vol. 1“ als eine von vielen Meta-Modell-Verletzungen ein, also ursprünglich als Sprachlücke, die ein Therapeut beim Klienten aufdeckt. Im Milton-Modell, dem Gegenstück, das sie nach Milton Erickson modellierten, wird dieselbe Lücke bewusst umgekehrt eingesetzt, um Spielraum zu lassen. Das ist Praktiker-Lehre mit klarer sprachlicher Grammatik, nicht ein in randomisierten Studien gemessener Effekt. Wie das ganze Muster in die Hypnose-Sprache eingebettet ist, habe ich im Milton-Modell ausgebreitet.
Welche Kernelemente machen einen fehlenden Bezugsindex aus?
- Getilgte Adresse: „man“, „es“, „die Leute“, „Dinge“, „jemand“ stehen dort, wo eine konkrete Person oder Sache stünde.
- Selbstbezug des Hörers: Weil kein Bezug genannt ist, füllt das Gehirn die Lücke mit der nächstliegenden Instanz, dem Hörer selbst.
- Kein Widerspruchsangriff: Da nichts Bestimmtes behauptet wird, fehlt dem Skeptiker der Punkt, gegen den er opponieren könnte.
- Umkehrung des Meta-Modells: Was in der Klärung eine aufzudeckende Sprachlücke ist, wird in der Trance-Sprache bewusst offen gelassen.