Glossar Hypnose Stand:

Fit-vs-Removed-Dosierung

Fit-vs-Removed-Dosierung in drei Sätzen

Die Fit-vs-Removed-Dosierung ist die bewusste Steuerung des Tarnungsgrades einer therapeutischen Metapher: Wie nah (fit) oder wie weit entfernt (removed) liegt die Geschichte an der realen Lage des Klienten? Durch Tauschen von Geschlecht, Alter, Schauplatz oder Thema wird die Ähnlichkeit so dosiert, dass der Hörer andockt, ohne sich ertappt zu fühlen.

Was ist die Fit-vs-Removed-Dosierung?

Ich habe einmal eine Geschichte zu nah gebaut. Ein Klient stritt mit seinem Bruder ums Erbe, und ich erzählte ihm von zwei Brüdern, die ums Erbe stritten. Mitten im Satz sah ich, wie er die Arme verschränkte. Er hatte sich erkannt, und damit war die Geschichte tot. Sie war keine Metapher mehr, sondern eine Anklage mit Umweg. Das ist der Fehler, gegen den die Fit-vs-Removed-Dosierung steht.

Fit heißt: die Geschichte liegt nah an der realen Lage, gleiche Beziehung, gleicher Knoten, gleicher Druck. Removed heißt: ich rücke sie weg, indem ich tausche, was nicht zur Struktur gehört. Aus den zwei Brüdern werden zwei Wölfinnen, die sich ein Revier teilen. Aus dem Erbstreit wird ein Grenzfluss. Der Knoten bleibt eins zu eins erhalten, die Oberfläche wandert in ein anderes Reich. Genau so weit, dass der Hörer andockt, ohne sich ertappt zu fühlen. Die Kunst ist nicht, ob ich tarne, sondern wie viel.

Diese Stellschraube steckt schon in David Gordons „Therapeutic Metaphors“ von 1978, wo er fordert, eine Geschichte müsse strukturgleich zur Lage des Klienten stehen, aber eben nicht oberflächengleich. Stephen und Carol Lankton schärften das 1983 in „The Answer Within“ zur bewussten Wahl: Welche Merkmale spiegele ich, welche verschiebe ich? Beide stehen in der Tradition von Milton Erickson, der seine Klienten ständig in fremde Schauplätze schickte, statt ihnen ihr Problem vorzuhalten. Wer alles eins zu eins spiegelt, baut keinen Spiegel, sondern eine Konfrontation.

Wie belastbar ist das - und woher kommt der Beweis?

Die Dosierungs-Lehre selbst ist Praktiker-Wissen. Niemand hat „Fit gegen Removed“ als therapeutische Variable in einer klinischen Studie isoliert und gegen ein Kontrolldesign getestet. Was es dazu gibt, sind Erfahrungssätze aus dem NLP- und Erickson-Umfeld, kein randomisiertes Bauwerk. So weit die ehrliche Ansage. Aber der Wirkmechanismus dahinter, warum nah und fern unterschiedlich wirken, ist hervorragend beforscht, nur in einer anderen Disziplin: in der kognitiven Forschung zum analogen Transfer. Dort heißt die Frage, wie eine Quelle (meine Geschichte) auf ein Ziel (das Problem des Hörers) übertragen wird, genau dasselbe Spiel mit anderen Worten.

Der Gründungsbefund stammt von Mary Gick und Keith Holyoak. In ihren Experimenten mit Dunckers Strahlen-Problem, in dem ein Tumor zerstört werden soll, ohne gesundes Gewebe zu verbrennen, lösten ohne jede Hilfsgeschichte nur rund zehn Prozent die Aufgabe. Erzählte man ihnen vorher eine strukturgleiche Geschichte aus einem ganz anderen Reich, ein General teilt seine Armee, um eine Festung von mehreren Seiten einzunehmen, stieg die Quote auf etwa dreißig Prozent. Und das ist der Knaller: Nur mit einem ausdrücklichen Hinweis, die Geschichte zu benutzen, sprang sie auf rund fünfundsiebzig Prozent. Die Menschen hatten die passende Lösung gehört und trotzdem nicht von selbst angedockt.

Genau hier sitzt die Spannung der Dosierung. Die ferne, „removed“ Geschichte trägt die Lösung sauber, weckt keine Abwehr, aber sie wird ohne Anstoß kaum von selbst abgerufen. Gick und Holyoak zeigten 1983 in der Folgearbeit zur Schema-Induktion, dass zwei Geschichten statt einer die Quote auch ohne Hinweis spürbar heben, etwa auf die Hälfte, weil der Hörer aus dem Vergleich das gemeinsame Muster selbst zieht. Übersetzt in meine Praxis: Je weiter ich tarne, desto mehr muss ich nachhelfen, dass der Funke überspringt.

Warum nah leichter zündet und fern tiefer trägt, hat Dedre Gentner mit ihren Kollegen sauber zerlegt. In der Arbeit von Gentner, Rattermann und Forbus von 1993 fiel die Trennung klar: die Erinnerung an eine frühere Geschichte hing vor allem an der Oberflächen-Ähnlichkeit, das geurteilte Tragen an der Struktur-Ähnlichkeit. Im Original: das Abrufen wurde von der Oberfläche getrieben, die innere Stimmigkeit von der gemeinsamen Relationsstruktur. Oberflächlich ähnliche Geschichten fallen einem leicht ein, übertragen aber flach. Strukturell ähnliche Geschichten tragen tief, fallen einem aber ohne Stichwort kaum ein. Das ist die Fit-Removed-Achse in Reinform, hergeleitet aus Gentners Structure-Mapping-Theorie von 1983, die Analogie als Abbildung von Relationen statt von Oberflächen-Merkmalen fasst.

Und hier ist die Kontroverse, die ich offen auf den Tisch lege. Die nahe Metapher dockt sofort an, der Hörer findet sich wieder, aber sie weckt eher Abwehr und überträgt flacher, weil er die Lösung als Vorhaltung lesen kann. Die ferne Metapher überträgt tiefer und schlüpft an der Abwehr vorbei, ist aber ohne Hinweis schwer zugänglich. Dieselbe Spannung zeigt die Designforschung: Joel Chan und Kollegen fanden 2011, dass weit entfernte Analogien neuartigere Lösungen anstoßen, aber insgesamt weniger Ideen erzeugen als nahe. Es gibt also keinen Königsweg, nur eine Dosis, die zum Klienten und zu seiner Abwehr passt. Wer immer maximal tarnt, verliert den Anschluss. Wer nie tarnt, baut eine Falle. Die Dosierung ist die Antwort dazwischen, und sie ist von Fall zu Fall verschieden.

Welche Kernelemente machen die Fit-vs-Removed-Dosierung aus?

  • Struktur bleibt, Oberfläche wandert: Getauscht wird nur, was nicht zum Knoten gehört, also Geschlecht, Alter, Schauplatz, Beruf, Tierart. Die Beziehungen und der Konflikt bleiben eins zu eins erhalten (Isomorphie nach Gordon, 1978).
  • Fit-Pol (nah): Hohe Oberflächen-Ähnlichkeit, dockt sofort an, wird leicht erkannt, überträgt aber flach und weckt eher Abwehr, weil der Hörer sich ertappt fühlt.
  • Removed-Pol (fern): Niedrige Oberflächen-Ähnlichkeit, schlüpft an der Abwehr vorbei und trägt tiefer, wird aber ohne Anstoß selten von selbst abgerufen (Gentner, Rattermann & Forbus, 1993).
  • Die Dosis ist klientenabhängig: Je dünnhäutiger oder konfrontierter der Hörer, desto weiter rücke ich weg. Je mehr Andocken nötig ist, desto näher bleibe ich.
  • Ferne Tarnung braucht einen Brückenreiz: Bei stark removed Geschichten muss ich am Ende sanft anstoßen, sonst überspringt der Funke nicht (Hinweis-Effekt bei Gick & Holyoak, 1980).
  • Ethische Grenze: Auch die getarnte Auflösung darf nur eine sein, die ich dem Hörer offen ins Gesicht sagen könnte.

Verwandte Begriffe

Isomorphe Metapher · Märchenrahmen · Matching Metaphor