Glossar Psychologie Stand:

Wunde

Wunde in drei Sätzen

Die Wunde ist das prägende Erlebnis oder Trauma einer Figur, meist in Kindheit oder Jugend angesiedelt, oft nicht bewusst erinnert. Sie ist die unterste Schicht der psychischen Tiefenstruktur: Aus ihr leiten sich Lüge, Maske und der ganze Antrieb der Figur ab. In der klinischen Übersetzung entspricht die Wunde dem Exile der Internal Family Systems Therapie - dem inneren Teil, der den Original-Schmerz trägt.

Was ist die Wunde?

Die Wunde ist das prägende Erlebnis, aus dem alles Weitere an einer Figur hervorgeht. In der Storytelling-Tradition heißt sie auch Ghost oder Backstory Wound - ein Ereignis aus der Vergangenheit, das die Figur geformt hat, lange bevor die eigentliche Geschichte beginnt. Sie liegt meist in Kindheit oder Jugend und ist nicht immer bewusst erinnert; oft wirkt sie gerade deshalb so stark, weil die Figur sie nicht benennen kann.

Typische Wunden sind der Verrat durch den wichtigsten Freund, der Tod eines geliebten Menschen, für den die Figur sich verantwortlich fühlt, eine öffentliche Demütigung oder das Verlassenwerden durch einen Elternteil. Wichtig ist nicht das Ereignis selbst, sondern dass es eine offene Stelle hinterlässt, an der die Figur verletzlich bleibt.

Was beschreibt diese Schicht - und welche Rolle spielt sie?

Die Wunde ist die unterste Schicht der Psyche-Tiefenstruktur. Sie ist der Ursprung der Kausalkette: Aus der Wunde entsteht die Lüge - die falsche Schlussfolgerung, die die Figur aus dem Erlebnis zieht. Aus der Lüge wiederum entstehen Maske und Schatten. Wer die Wunde einer Figur kennt, versteht ihren ganzen inneren Bau.

Im Charaktersystem ist die Wunde nicht beliebig gesetzt, sondern emergiert aus zwei Quellen: aus chronisch frustrierten Grundbedürfnissen (etwa dauerhaft niedrigem Selbstwert als Frustrationsmuster) und aus konkreten Ereignissen mit hoher Einprägungsstärke. So formt sich die spezifische Wunde-Formulierung - nicht „irgendein Trauma”, sondern genau dieses.

Klinische Entsprechung: das Exile

In der Internal Family Systems Therapie von Richard C. Schwartz entspricht die Wunde dem Exile - dem inneren Teil, der die ursprünglichen Verletzungen, Schmerzen und Scham trägt, oft aus der Kindheit. Der Exile ist ins Unbewusste verbannt und fühlt sich klein, wertlos, nicht liebenswert. Diese Übersetzung ist klinisch validiert (Evidenzklasse B), während der Storytelling-Begriff „Wunde” allein Evidenzklasse D bleibt. Im Coaching-Modus wird deshalb nur von Exiles gesprochen, nie von Wunden.

Welche Kernelemente machen die Wunde aus?

  • Vergangenheit: ein Ereignis, das vor der eigentlichen Geschichte liegt.
  • Nicht immer bewusst: die Figur kann die Wunde benennen - oder gerade nicht.
  • Ursprung der Kette: aus ihr leiten sich Lüge, Maske und Antrieb ab.
  • Abgeleitet, nicht erfunden: entsteht aus frustrierten Bedürfnissen plus prägenden Ereignissen.
  • Ziel des Arcs: der Character Arc heilt oder akzeptiert die Wunde.

Verwandte Begriffe

Psyche-Schichten · Lüge · Maske · Bedürfnis · Memory Reconsolidation