Default Mode Network
Was ist das Default Mode Network?
Als ich das erste Mal auf den Begriff „Default Mode Network” stieß, dachte ich: klingt wie Bürokraten-Neurowissenschaft. Aber dann las ich, was Marcus Raichle 2001 beobachtet hatte — und ich fand es ehrlich gesagt verblüffend. Nicht weil es neu klingt, sondern weil es etwas beschreibt, das ich jeden Tag erlebe, und dem ich nie einen Namen gegeben hatte.
Das DMN ist ein Netzwerk von Hirnarealen, das im Ruhezustand stärker aktiv ist als während zielgerichteter Aufgaben. Es umfasst vor allem den medialen Präfrontalcortex, den posterioren cingulären Cortex und den Precuneus. Was Raichle und seine Gruppe am stärksten überraschte: Diese Areale schalten bei Fokusaufgaben nicht einfach ab — sie werden aktiv gedämpft. Das Gehirn müht sich, sie ruhigzustellen.
Und genau in diesem Moment, wo der Fokus nachlässt, wo das DMN wieder aufwacht — da beginnt aus meiner Sicht die Geschichte mit der Trance.
Wer hat das DMN entdeckt — und was hat er dabei übersehen?
Marcus E. Raichle am Washington University School of Medicine machte seine Beobachtung bei PET-Scans (Positronenemissionstomographie), als er Ruhezustände mit Aufgabenzuständen verglich. Was er sah: Bestimmte Areale zeigten im Ruhezustand konsistent höhere Sauerstoffextraktionsraten — und wurden bei kognitiven Aufgaben systematisch deaktiviert. 2001 nannte er das in den Proceedings of the National Academy of Sciences (Bd. 98, S. 676–682) den „default mode of brain function“ — und begründete damit ein bis heute aktives Forschungsfeld.
Was er dabei zunächst nicht beschrieb — und was die Forschung der folgenden Jahre herausarbeitete — ist das Ausmaß dieser Aktivität. Das DMN verbraucht im Ruhezustand überproportional viel Energie. Die Hirnaktivität bei fokussierten Aufgaben erhöht den Gesamtenergieverbrauch um weniger als 5 % über das Baseline-Niveau. Das Baseline-Niveau selbst ist enorm: Das Gehirn summt permanent, auch wenn wir scheinbar nichts tun.
Randy Buckner, Jessica Andrews-Hanna und Daniel Schacter fassten 2008 in den Annals of the New York Academy of Sciences (Bd. 1124, S. 1–38) zusammen, was bis dahin über Anatomie, Funktion und Krankheitsbezug bekannt war — ein Überblick, der das DMN von einem Kuriositätsbefund zu einem zentralen Forschungsgegenstand machte.
Wie viel Zeit verbringen wir wirklich im DMN?
Diese Frage hat mich am meisten beschäftigt — und die Antwort fand ich unangenehm klar.
Matthew Killingsworth und Daniel Gilbert von der Harvard University veröffentlichten 2010 in Science (Bd. 330, S. 932) eine Studie, für die sie 2.250 Probanden per iPhone-App zu zufälligen Zeiten befragten: Was machst du gerade? Denkst du an etwas anderes?
Das Ergebnis: 46,9 % der Wachzeit schweifen unsere Gedanken ab. Bei jeder untersuchten Aktivität — außer beim Sex — lagen sie unter 70 %, und bei keiner unter 30 %. Der Verstand wandert, ob wir wollen oder nicht.
Und die zweite Erkenntnis war noch unangenehmer: Dieses Abschweifen macht uns unglücklicher, unabhängig davon, wohin die Gedanken ziehen. Killingsworth und Gilbert schrieben: „A human mind is a wandering mind, and a wandering mind is an unhappy mind.”
Quelle: Killingsworth MA, Gilbert DT. A wandering mind is an unhappy mind. Science. 2010;330(6006):932. DOI: 10.1126/science.1192439.
Was hat das DMN mit Trance und Hypnose zu tun?
Hier wird es für mich — als jemand, der sich mit hypnotischem Erzählen beschäftigt — konkret interessant. Und gleichzeitig muss ich ehrlich sein: Die Befundlage ist verheißungsvoll, aber noch nicht sauber.
William J. McGeown, Giuliana Mazzoni, Annalena Venneri und Irving Kirsch zeigten 2009 in Consciousness and Cognition (Bd. 18, H. 4, S. 848–855), dass Hypnoseinduktion die anteriore DMN-Aktivität reduziert — und zwar ohne dass gleichzeitig aufgabenrelevante Areale stärker aktiv wurden. Das war methodisch relevant: Frühere DMN-Dämpfungen wurden immer als Kehrseite von Aktivierungseffekten interpretiert. Hier war die Dämpfung allein.
Besonders: Bei hochsuggestiblen Probanden war die Reduktion deutlich ausgeprägter als bei niedrigsuggestiblen. Der Grad der DMN-Dämpfung korrelierte mit der Trancetiefe.
Quelle: McGeown WJ, Mazzoni G, Venneri A, Kirsch I. Hypnotic induction decreases anterior default mode activity. Consciousness and Cognition. 2009;18(4):848–855. DOI: 10.1016/j.concog.2009.09.001.
Was ich daraus ableite: Trance beruhigt genau jenes innere Geplätscher, das das DMN erzeugt — das Selbstgespräch, die Bewertungen, das Abschweifen. Was ich nicht ableite: dass Hypnose deshalb kausal über DMN-Unterdrückung wirkt. Korrelation bleibt Korrelation.
Ist das DMN wirklich nur Rauschen?
Das ist die Kontroverse, die ich in der Literatur am aufschlussreichsten fand — und die noch lange nicht entschieden ist.
Die frühe Raichle-Interpretation war funktional: Das DMN ist ein organisierter Ruhezustand, der bei Aufgaben unterbrochen wird. Passiv, quasi Grundrauschen. In dieser Lesart ist es ein bisschen so wie der Bildschirmschoner des Computers — hübsch, aber irrelevant.
Aber Buckner et al. (2008) und spätere Forscher — darunter Arbeiten, die ich in Neuron (2023) fand — argumentieren stärker: Das DMN konstruiert aktiv das Selbst. Es integriert autobiografisches Gedächtnis, imaginiert Zukünfte, modelliert soziale Perspektiven. Es ist nicht Rauschen — es ist das laufende Projekt „Ich”.
Ich finde diese Lesart überzeugender, weil sie erklärt, warum DMN-Störungen (etwa bei Depression oder Alzheimer) so tiefgreifend in die Identitätskontinuität eingreifen. Ein reiner Ruhezustand würde das nicht leisten.
Die Frage, ob Hypnose das DMN kausal dämpft oder ob die Messung einfach einen Entspannungseffekt abbildet, ist ebenfalls offen. Mehrere Studien zeigen widersprüchliche Ergebnisse — in einigen Designs steigt die DMN-Aktivität bei Hypnose sogar.
Evidenz-Ehrlichkeit
Das DMN als anatomische Einheit ist gut belegt — Raichle, Buckner und Hunderte Folgestudien haben das Netzwerk und seine Deaktivierungsmuster repliziert. Die 46,9 %-Zahl von Killingsworth und Gilbert (2010) stammt aus einer methodisch sorgfältigen Echtzeit-Erhebung.
Vorsichtiger bin ich bei zwei Punkten: Erstens, was das DMN „macht” — die Selbstkonstruktions-These ist plausibel, aber noch im Aufbau. Zweitens, der Hypnose-DMN-Zusammenhang: Die McGeown-Befunde sind real und repliziert, aber die kausale Richtung und die Bedeutung für das Erleben sind ungeklärt. Ich schreibe darüber als jemand, der die These interessant findet — nicht als jemand, der sie für bewiesen hält.
Welche Kernelemente machen das Default Mode Network aus?
- Anatomische Stabilität: mediales Präfrontalcortex, posteriorer cingulärer Cortex, Precuneus, angularer Gyrus — in bildgebenden Studien konsistent nachweisbar.
- Aufgaben-Deaktivierung: Das DMN wird bei fokussierten kognitiven Aufgaben systematisch heruntergeregelt, nicht nur weniger aktiv.
- Hoher Energiebedarf: Das Baseline-Aktivitätsniveau des Gehirns — überwiegend durch das DMN getragen — ist enorm; fokussierte Aufgaben erhöhen den Gesamtenergieverbrauch um weniger als 5 %.
- Selbstbezogene Kognition: Autobiografische Erinnerung, Zukunftsvorstellung, Theory of Mind und Selbstreflexion sind typische DMN-Inhalte.
- Mind-Wandering: Fast die Hälfte der Wachzeit verbringt der Geist im aufgabenunabhängigen Modus — mit realen Auswirkungen auf Stimmung und Wohlbefinden.
- Trance-Relevanz: Hypnoseinduktion reduziert bei Hochsuggestiblen die anteriore DMN-Aktivität — ein Befund mit interpretativen Lücken, aber methodisch solid.
Verwandte Begriffe
Trance · Narrative Transportation · Zeigarnik-Effekt · Suggestion