Glossar Hypnose Stand:

Präsupposition

Präsupposition in drei Sätzen

Eine Präsupposition ist eine sprachliche Voraussetzung, die wahr sein muss, damit ein Satz überhaupt Sinn ergibt, und die deshalb unter der bewussten Prüfung hindurchrutscht. Wenn ich sage „bevor du in Trance gehst, mach es dir bequem“, steht das Bequemmachen zur Debatte, das In-Trance-Gehen nicht. Der Hörer akzeptiert die eingebaute Annahme, während seine Aufmerksamkeit am Hauptsatz hängt.

Was ist eine Präsupposition?

Die Präsupposition arbeitet unscheinbar: Ich packe eine Annahme nicht in den Hauptsatz, wo sie geprüft würde, sondern ins Drumherum, wo sie als gegeben mitläuft. Der Trick steckt nicht in dem, was ich behaupte, sondern in dem, was ich schon vorausgesetzt habe, bevor die Behauptung anfängt.

Ein Beispiel aus meiner Arbeit: „Mir ist egal, ob du schon beim ersten oder erst beim zweiten Atemzug merkst, wie ruhig du wirst.” Zur Debatte steht scheinbar nur der Zeitpunkt. Dass du ruhig wirst, steht gar nicht zur Wahl, es ist die stillschweigende Voraussetzung, ohne die der Satz keinen Sinn ergäbe. Während der Hörer „erster oder zweiter Atemzug?” abwägt, hat er das Ruhigwerden längst geschluckt.

Abgrenzung zu den Nachbarn

Die allgemeine Präsupposition ist der Oberbegriff für eine ganze Familie von Mustern, und zwei davon werden im Milton-Modell gern mit ihr verwechselt.

Die Zeit- und Ordinal-Präsupposition ist der Spezialfall, der die Annahme an Zeit- oder Reihenfolge-Wörter hängt. Formulierungen wie „noch bevor”, „während”, „nachdem” oder „die erste Veränderung” tragen die Voraussetzung im Zeit- oder Ordnungswort selbst. „Noch bevor du es bemerkst” setzt voraus, dass du es bemerken wirst. Das ist Präsupposition, aber eben mit einem bestimmten Träger. Die allgemeine Form braucht dieses Wort nicht.

Die Cause-Effect-Suggestion liegt daneben, nicht darunter. Sie setzt keine Annahme voraus, sondern behauptet eine Kausalfolge: „Das Geräusch der Klimaanlage lässt dich tiefer sinken.” Hier wird eine Wirkung aktiv aufgestellt, A führt zu B. Die Präsupposition hingegen behauptet nichts über Ursachen, sie schmuggelt eine fertige Tatsache in den Nebensatz. Der Unterschied ist sauber: Cause-Effect setzt eine Verbindung, Präsupposition setzt eine Voraussetzung.

Wie das im Erzählen klingt

In einer Geschichte arbeitet die Präsupposition genauso leise. Statt zu sagen „du wirst dich verändern”, lasse ich eine Figur fragen: „Sie war sich nicht sicher, welchen Teil von sich sie zuerst loslassen würde.” Das „welchen” setzt voraus, dass losgelassen wird, und schiebt nur die Wahl des Teils nach vorn.

„Und während du dir überlegst, an welcher Stelle dieser Geschichte du am tiefsten mitgehst, ist das Mitgehen längst geschehen.”

Der Hörer sucht die Stelle. Dass er mitgeht, hat er nie in Frage gestellt. Das ist der ganze Hebel: Die Aufmerksamkeit folgt immer dem grammatischen Hauptgeschehen, nie der eingebauten Voraussetzung.

Wie belastbar ist das?

Hier ist die Präsupposition ein Sonderfall in diesem Glossar. Das Milton-Modell ist überwiegend Praktiker-Lehre mit dünner Studienlage. Die Präsupposition aber ist zugleich ein echter, seit Jahrzehnten erforschter Fachbegriff der linguistischen Pragmatik. Stephen Levinson widmete ihr in seinem Standardwerk „Pragmatics“ (Cambridge University Press, 1983) ein ganzes Kapitel und merkt darin trocken an, dass es zu kaum einem Thema der Pragmatik mehr Literatur gebe und der fleißige Student so gut wie jede Aussage irgendwo in der Forschung widerlegt finden werde. Die Geschichte reicht zurück bis zu Frege, Russell und Strawson. Das heißt: Das sprachliche Phänomen ist gut belegt und alt. Was Bandler und Grinder taten, war, es für die Hypnose-Praxis greifbar zu machen. Dass eine eingebaute Voraussetzung beim Hörer eine bestimmte therapeutische Wirkung erzielt, ist Praktiker-Anspruch, nicht kontrolliert gemessen. Dass sie sprachlich existiert und unter der Prüfung hindurchrutscht, ist solide.

Welche Kernelemente machen die Präsupposition aus?

  • Die Annahme steht im Nebensatz, nicht im Hauptsatz. Geprüft wird, was der Hauptsatz behauptet, nicht was er voraussetzt.
  • Sie ist kein Befehl, sondern eine Selbstverständlichkeit. Der Satz ergäbe ohne die Voraussetzung gar keinen Sinn, also wird sie als gegeben hingenommen.
  • Die Aufmerksamkeit wird auf eine Scheinwahl gelenkt. Der Hörer entscheidet über das Drumherum (Zeitpunkt, Reihenfolge, Detail) und überspringt dabei das Eigentliche.
  • Sie ist der Oberbegriff. Zeit- und Ordinal-Präsupposition sind ihre Spezialfälle; Cause-Effect ist ein eigenes, benachbartes Muster.
  • Ethische Grenze: Die vorausgesetzte Annahme darf nur eine sein, die man dem Hörer auch offen ins Gesicht sagen würde.

Verwandte Begriffe

Das Milton-Modell · Zeit- und Ordinal-Präsupposition · Cause-Effect