Das Vorgespräch: warum die beste Technik scheitert, wenn das Symptom eine Funktion hat
Das Vorgespräch entscheidet über Erfolg oder Scheitern einer Intervention, lange bevor die erste Suggestion fällt. Wer dort die Funktion eines Symptoms übersieht, kann die sauberste Trance führen und scheitert trotzdem. Ich habe das an meiner allerersten Klientin gelernt, die nach einer makellosen Trance die Augen aufschlug und als Erstes eine rauchen ging.
Meine allererste Klientin schlug nach fünfundvierzig Minuten die hübschen Augen auf, lächelte mich an und sagte: „Jetzt brauch ich erst mal ne Kippe.”
Das ist lange her. Ich hatte gerade meine Hypnose-Ausbildung bei Thermedius abgeschlossen, und Mel, eine Bekannte, wollte mit dem Rauchen aufhören. Erste echte Klientin, ich habe mich gefreut wie ein Kind, mein ganzes Repertoire abgespult. Und ich war an diesem Nachmittag, das darf ich nach all den Jahren ruhig sagen, richtig gut. Genau das machte die Lektion so teuer.
Die Frage, die ich an dem Tag nicht stellen konnte, weil ich sie noch nicht kannte: Wie kann eine technisch makellose Sitzung trotzdem vollständig scheitern?
Was an diesem Nachmittag alles richtig lief
Ich spule es kurz ab, denn es ist wichtig für die Pointe. Der Rapport saß, Mel und ich waren auf einer Wellenlänge, bevor sie sich überhaupt hingesetzt hatte. Das Pacing war sauber, ich holte sie bei dem ab, was sie gerade erlebte, und führte sie Schritt für Schritt tiefer. Sie zeigte alle Zeichen einer ordentlichen Trance: der Lidschlag wurde flatterig, dann ruhig, die Atmung tief, das Gesicht glatt, die Hände schwer. Ich legte meine Suggestionen, ich legte Anker, ich tat alles, was man mir beigebracht hatte, in der richtigen Reihenfolge und im richtigen Ton.
Handwerklich gab es an dieser Sitzung nichts auszusetzen. Wenn du gerade glaubst, ich erzähle dir jetzt, mein Rapport sei in Wahrheit schlecht gewesen oder mein Pacing wackelig: nein. Das war es nicht. Der Fehler lag woanders, eine Etage tiefer, und ich konnte ihn von dort, wo ich stand, gar nicht sehen.
Dann führte ich Mel zurück, sie öffnete die Augen, und kam der Satz mit der Kippe.
Eine Stunde Kaffee danach
Ich habe ehrlich gebraucht, um das wegzustecken. Wir saßen dann noch eine Stunde zusammen, der Kaffee wurde kalt, der Aschenbecher füllte sich, und ein Teil von mir versuchte die ganze Zeit, das geknickte Anfänger-Ego wieder aufzurichten. (Dass ich als frischgebackener Hypnotiseur unbedingt bei der netten Bekannten glänzen wollte, hat die Sache nicht leichter gemacht. Aber das ist wirklich eine andere Geschichte.)
Irgendwann, als längst keine Technik mehr lief, drückte Mel die Zigarette aus und sagte: „Weißt du, wann ich auf Arbeit mal kurz durchatme? Wenn ich eine rauchen geh. Sonst nie.” Ihr Chef saß ihr im Nacken, offizielle Pausen gab es nicht. Aber wer raucht, der darf raus. Die Zigarette war der einzige Grund, für den sie aufstehen, vor die Tür treten und drei Minuten lang nicht erreichbar sein durfte.
Da war mir klar: Solange es keine Alternative gibt, kann ich mir einen Wolf hypnotisieren, sie hört nicht auf. Ich hätte ihr den sechsten Ekel-Anker auf die Kippe legen können, sie hätte den Brechreiz runtergeschluckt und sich trotzdem zu den anderen Rauchern gestellt. Die Kippe war kein Laster. Sie war ihr Rettungsanker, der sie vor dem völligen Untergang in Überforderung bewahrte. Den lässt sie nicht los.
Warum die Trance gegen einen unsichtbaren Gegner verlor
Den unsichtbaren Gegner aus der Überschrift findest du am schnellsten an dir selbst. Denk an eine Gewohnheit, die du eigentlich loswerden willst und einfach nicht loswirst. Und jetzt frag dich nicht, wie schädlich sie ist, sondern: Was hättest du ohne sie nicht mehr? Wenn dir darauf etwas einfällt, hast du gerade ihre Funktion gefunden - den Gegner. Genau den hatte ich bei Mel übersprungen.
Interessant wird es, wenn man der vermeintlichen Beruhigung der Zigarette nachgeht. Der Psychologe Andy Parrott hat die Studienlage 1999 zusammengetragen und kam zu einem unbequemen Schluss: Die Entspannung, die Raucher beim Rauchen spüren, ist größtenteils nicht echte Beruhigung, sondern die Umkehr des Entzugs, der sich zwischen zwei Zigaretten aufgebaut hat (Parrott, 1999). Pharmakologisch beruhigt die Zigarette also kaum. Mels Gewinn lag woanders: nicht im Nikotin, sondern in den drei Minuten vor der Tür. Nicht der Stoff hielt sie fest, sondern die erlaubte Pause.
So klärst du die Funktion ab, bevor du an der Gewohnheit rüttelst
Hier ist die Reihenfolge, die ich seit Mel vor jede Intervention setze, ob in der Trance, im Coaching oder im Veränderungsgespräch. Sie kostet zehn Minuten und entscheidet über alles, was danach kommt.
- Frag, was die Gewohnheit dem Menschen gibt. Nicht, was sie kostet, das weiß er selbst. Sondern: „Was hätten Sie nicht mehr, wenn das morgen weg wäre?” Die erste Antwort ist oft ein Achselzucken. Die zweite ist Gold.
- Geh den Momenten nach, in denen sie hilft. Wann genau greift der Mensch danach? In welcher Situation, gegen welches Gefühl, an welchem Ort? Die Funktion versteckt sich im Wann, nicht im Was.
- Benenne die Funktion, ohne sie zu bewerten. „Die Zigarette ist also Ihre einzige Pause.” Wenn der Mensch nickt und still wird, hast du sie. Diese Anerkennung ist schon die halbe Arbeit.
- Bau die Alternative, bevor du das Symptom anrührst. Welche erlaubte Auszeit könnte die Raucherpause ersetzen? Erst wenn die Funktion ein neues Zuhause hat, ist das alte Verhalten entbehrlich.
- Dann, und erst dann, die eigentliche Arbeit. Jetzt trägt jede Suggestion, weil sie nichts mehr wegnimmt, ohne etwas zu geben.
Und hier ist die rote Linie, die zu diesem Werkzeug gehört. Ein Symptom ist oft eine Notlösung für ein echtes Problem. Wer es entfernt, ohne die Funktion zu ersetzen, nimmt einem Menschen den Rettungsanker und reicht ihm kein Seil. Das ist nicht Heilung, das ist Pfusch mit gutem Gewissen. Respektiere die Funktion, bevor du sie ablöst.
Was ich heute zuerst frage
Mel hat an diesem Tag nicht aufgehört zu rauchen, und im Nachhinein bin ich froh darüber. Hätte ich sie mit reiner Technik vom Glimmstängel getrennt, hätte ich ihr die letzte Pause genommen und nichts an ihre Stelle gesetzt.
Heute stelle ich die Frage, die ich damals nicht kannte, immer zuerst, und höre lange zu, bevor ich an die erste Suggestion auch nur denke. Wer das überspringt, kann sich hinterher zum Affen hypnotisieren.
Wie das Mitgehen vor dem Führen funktioniert, das diesem Zuhören zugrunde liegt, steht in Pacing und Leading. Warum eine Gewohnheit nicht verschwindet, indem man sie schlechtredet, sondern indem man ihr einen wahreren Rahmen gibt, habe ich in Reframing aufgeschrieben. Und woran du erkennst, was ein Mensch dir im Vorgespräch zwischen den Zeilen sagt, gehört ins diagnostische Zuhören.